Ich bin schnell genervt. Wenn mir der Ärmel beim Abwaschen runterrutscht und nass wird. Wenn der Mensch in dem Auto vor mir nicht zu wissen scheint, wo sich das Gaspedal befindet. Wenn der Mensch im Auto hinter mir der Meinung ist, dicht genug für einen Blick in meinen Kofferraum auffahren zu müssen.
Es wird wohl mein Nervensystem sein. Ich bin wohl dysreguliert. Grundsätzlich wahrscheinlich. Wahrscheinlich habe ich auch noch ganz andere Probleme, jedenfalls wenn ich mich an der Bubble und social media orientiere.
Was ich mit Gewissheit sagen kann: Ich bin genervt vom Nervensystem. Oder besser: Nervensystem-Overkill nervt mich gerade sehr.
Nicht nischig ist gut, aber...
Jahaha, dass vom Nervensystem und seiner Regulation geredet wird, ist durchaus berechtigt. Schön und gut ist auch, dass das Thema von nischig in Richtung Allgemeinwissen oder zumindest Smalltalk-Thema wechselt.
Und jahaha, ich widme mich auch dem Nervensystem. Privat meinem eigenen, diverse Regulationstechniken helfen mir und den oben beschriebenen Autofahrenden dann in der akuten Situation.
Als Yogalehrerin widme ich mich dem Nervensystem anderer Menschen. Ich lehre Techniken zur Regulation in meinen Yogastunden. Nur eben ohne es explizit so zu sagen und ohne großes Label sowie ohne Trendvokabular. Denn: Es sollte nicht darum gehen, das Nervensystem zum nächsten Projekt beziehungsweise to do zu machen.
Nicht noch eine Aufgabe!
Das nämlich birgt, so meine Sicht, die Gefahr, dass man nur ein weiteres Thema hat, bei dem man meint, es mal wieder nicht hinzukriegen, weil man ja doch eigentlich nur was für den Vagusnerv tun, ein Eisbad nehmen, die Breathwork-Session besuchen oder einen TCM-Punkt triggern müsste. Manchmal ist nichts hinzukriegen!
Ein dysreguliertes Nervensystem ist nicht „kaputt“, es reagiert. Und zwar auch auf strukturelle Defizite. Es reagiert auf Dinge wie Mehrfachbelastungen, mental load, chronischen Stress/Druck, ständigen Funktionsmodus, unsichtbare care-Arbeit, die Tatsache, dass man als Frau zumeist nicht wirklich sicher sein kann...
Ein bisschen „Lass los“ in der Yogastunde, eine kalte Dusche am Morgen, Box-Atmung etc. sind dann sicher nette Tools, aber gegen oben genannte Lagen (und viele weitere) helfen sie nicht. Ein „Du musst nur lernen, dich/dein Nervensystem zu regulieren“ ist nur die nächste Aufgabe in einer Reihe nicht enden wollender Aufgaben. Ein Resilienztraining mag wertvolle Techniken vermitteln, kann aber auch suggerieren, dass es an einem selbst statt den Strukturen liegt, wenn man zum Beispiel im Rahmen seiner Arbeit zu viel Druck empfindet.
Es braucht Entlastung, echte!
In solchen Fällen braucht ein Mensch nicht die nächste Technik, sondern schlicht: Entlastung. Und zwar echte. Nicht die Art, die man sich zwischen zwei Terminen in 90 Sekunden durch eine Meditationsapp reinpfeift.
Es braucht Räume, in denen nicht auch noch das eigene Nervensystem zur nächsten Aufgabe wird. Regulationstechniken sollten kein Pflaster für ein Nervensystem sein, das systematisch vom System überfordert wird. Es braucht dann kein Rumregulieren an den Symptomen, sondern Aufräumen struktureller Defizite.
Auch Yoga kann in vielen Lebenslagen helfen und eine Unterstützung sein, ja. Yoga kann das Nervensystem regulieren, beruhigen, sortieren. Aber es darf nicht zur Kompensation in einem Leben werden, das grundsätzlich zu viel verlangt.
Manchmal ist die mutigste Form der Selbstfürsorge dann nicht die nächste Regulationstechnik und nicht das nächste Ritual, sondern ein Satz. Ein ehrlicher wie „Ich brauche Hilfe“, „Ich kann nicht mehr“, „Ich muss etwas abgeben“, am besten „Nein“.
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